Die Ausbildung zum Mörder: Zusammenfassende Betrachtungen

Fügt man die verschiedenen Aspekte (Treue, militärischer Drill, Kameradschaft usw.) zusammen, heißt dies natürlich nicht, die Täter zu Opfern dieses Erziehungssystems zu machen. Jeder einzelne handelte eigenverantwortlich. Dies kommt auch in den Urteilen zum Ausdruck: Sorge und Schubert wurden zu 25 Jahren Haft verurteilt (Sorge verstarb in der Haft), Kaiser wurde im ersten Prozeß zu 15, im zweiten zu 25 Jahren Haft verurteilt.


Die meisten SS-Täter konnten zur Schuldminderung eben keine besonderen (abnormen) charakterliche Eigenschaften geltend machen. Gerade deswegen kann man, zumindest zum Teil, auch ein rudimentär vorhandenes Unrechtsbewußtsein beobachten.(83)

Zunächst fällt das harmonische Familienleben auf. Der amerikanische Psychologe Lifton bezeichnete dies als "Doppelung", um sich von der Schizophrenie abzugrenzen.(84) Eine wesentliche These lautet, daß die Täter gerade deswegen ein so harmonisches Familienleben pflegten, um ihr Gewissen zu beruhigen. Man sorgte sich um seine Familie und war deswegen eigentlich kein so schlechter Mensch. Die Taten selbst wurden durch die Ideologie, angebliche Kriegserfordernisse usw. rationalisiert. Dies wird beispielsweise an Hand einiger Aussagen Himmlers deutlich. Seinem Masseur gegenüber äußerte er sich folgendermaßen: "Man darf die Dinge nicht unter kleinen ichbezogenen Gesichtspunkten betrachten, sondern muss das Gesamtgermanentum ins Auge fassen, das ja auch sein Karma hat. Einer muß sich opfern. Auch wenn dies manchmal sehr schwer ist und darf nicht an sich selbst denken. Es ist natürlich angenehmer, sich mit den Blumenbeeten, statt mit den Kehrichthaufen und der Müllabfuhr eines Staates zu befassen. Aber ohne diese Arbeit würden die Blumenbeete nicht gedeihen. Im übrigen versuche ich, für mich selbst einen Ausgleich dadurch zu schaffen, dass ich wo immer ich nur kann, helfe und Gutes tue, Unterdrückten beistehe und Ungerechtigkeiten beseitige. Glauben sie mir, ich bin mit dem Herzen bei all’ den Dingen, die aus der Staatsraison getan werden müssen ? Was gäbe ich darum, Kultusminister, wie Rust, zu sein und mich nur positiven Aufgaben widmen zu können."(85) Himmler behauptet von sich selbst, einen Ausgleich zu schaffen, in dem er hilft und Gutes tut.

Hier wird deutlich, daß traditionelle Werte noch vorhanden waren. Dies bedeutet, daß traditionelle Werte in den Dienst einer vermeintlich höheren Sache gestellt worden sind. Dies zog selbst bei Himmler Schwierigkeiten nach sich. Im Juli 1941 beobachtete Himmler Massenerschießungen in der Sowjetunion (in Mogilev). Dabei ist ihm schlecht geworden.(86) Außerdem benötigt er eine Kompensation für die für die Staatsraison erforderlichen Dinge. Aus diversen Gerichtsprozessen ist auch bekannt, daß besondere Mechanismen gefunden werden mußten, um die Täter die Teilnahme an Massenmorden zu "ermöglichen", z. B. wurde Alkohol versprochen, Belohnungen als Anreize vergeben usw.(87)

Es gibt hinreichend viele Indizien, daß die vielen Verbrechen mit üblichen Moral-Vorstellungen kollidierten, eben weil die Täter Menschen waren, keine sadistischen "Monster". Ella Lingens, eine in Auschwitz-Birkenau inhaftierte österreichische Ärztin, sagte für den Anfang der 60er Jahre durchgeführten "Frankfurter Auschwitz-Prozeß" aus: "Ich kenne kaum einen SS-Mann, der nicht sagen könnte, er habe nicht einem das Leben gerettet. Es gab wenig Sadisten. Nicht mehr als fünf bis zehn Prozent waren Triebverbrecher im klinischen Sinn. Die anderen waren ganz normale Menschen, die durchaus wußten, was gut und böse ist. Sie haben alle gewußt, was dort geschieht."(88)

Ein anderer Zeuge berichtete:
"Ich kannte in Birkenau den Blockführer Weiss. Er hat gern getrunken. Als er einmal angetrunken war, hat er gesagt: ‚Mutter, wenn du wüßtest, daß dein Sohn ein Mörder geworden ist !"(89)

Es gab nach wie vor Unterscheidungen zwischen Gut und Böse, traditionelle Wert- und Moralvorstellungen wurden nicht aufgelöst, sondern umgewertet. Eben weil dies nicht ohne weiteres von heute auf morgen realisierbar ist, gab es diese "Wertkollisionen", eben darum brauchte man Auswege in Form von verschiedenen Rechtfertigungsstrategien (angeblicher Befehlsnotstand; Alkohol; Methoden, um Massenmord für Täter zu erleichtern usw.).

In diesem Zusammenhang spielt aber auch der Begriff der "Doppelung" und das vielfach zu beobachtende harmonische Familienleben eine wesentliche Rolle: Die Familie als Hort außerhalb der Gewalt des Lagers diente als Kompensation der Taten und der Entlastung des Gewissens ebenso wie Himmler einen Ausglich brauchte.

Es sieht durchaus so aus, als ob das Konzept Himmlers und Eickes, daß der Einzelne nichts sei und die Organisation alles, insofern aufgegangen ist, als der Einzelne "nur" innerhalb der Organisation morden konnten, nicht aber im Privatleben.


Der Historiker Karl Otto Paetel kam zu dem Schluß: "Der Orden konnte Tausende, Hunderttausende disziplinieren. Sie als Einzelmenschen ändern konnte er nur langsam."(90)

Einführung

"Turm A"

Lageran-fahrtsstraße

Kaserne

Kantine

Bunker

Heizwerk

Hundert-
schaftsgebäude

Villa Eicke

Eingang zum Polizei-
präsidium

Polizeigelände

Führerhäuser

IKL

Resumée

Literatur

Anmerkungen

(83) Der Verfasser ist sich bewußt, daß dies eine intensivere Darlegung erfordert, als hier möglich ist. Vgl. insbesondere Schwan, Gesine: Politik und Schuld. Die zerstörerische Macht des Schweigens, Frankfurt a. Main 1997.

(84) Lifton, Robert J.: Ärzte im Dritten Reich, Stuttgart 1988.

(85) Zitiert nach der Anklageschrift gegen Otto Kaiser, a. a. O., S. 72f.

(86) Vgl. Breitman, Richard: The Architekt of Genocide. Himmler and the Final Solution, Hanover/London 1991, S. 196.

(87) Vgl. auch ausführlich Browning, Christopher R.: Ganz normale Männer. Das Reservebataillon 101 und die "Endlösung" in Polen, Reinbek bei Hamburg 1993.

(88) Langbein, Hermann: Der Auschwitz-Prozeß. Eine Dokumentation, 2 Bde., Frankfurt a. Main 1995 (unveränderter Nachdruck der 1965 in Wien erschienenen Ausgabe), hier Bd. 1, S. 138.

(89) Ebd.

(90) Paetel, Karl O.: Die SS. Ein Beitrag zur Soziologie des Nationalsozialismus, in: VfZ, 2. Jhg. (1954), S. 1-33

 

 

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