Die Inspektion der Konzentrationslager

Die IKL wurde 1934 gegründet. Theodor Eicke, der zweite Kommandant des KZ Dachau, wurde befördert. Seit Mai 1934 war er der Inspekteur der Konzentrationslager, der Kommandant aller Kommandanten. Sein Amt, die IKL, siedelte sich zunächst in Berlin an im Dienstgebäude des Geheimen Staatspolizeiamtes Prinz-Albrecht-Straße 8.(78) Heute befindet sich dort die "Topographie des Terrors".

1938 zog die IKL von Berlin nach Oranienburg um, weil Oranienburg (der offiziellen Definition entsprechend) "Hauptstadt der SS in Nähe der Reichshauptstadt Berlin" war.

Die ehemalige Inspektion der Konzentrationslager am Heinrich-Grüber-Platz, damals Heinrich-Himmler-Platz

Dieses Amt verwaltete jedes Konzentrationslager, das unter der nationalsozialistischen Diktatur errichtet wurde, von vier Ausnahmen abgesehen: Diese vier Ausnahmen waren die reinen Vernichtungslager der "Aktion Reinhard" (Belzec, Sobibor, Treblinka) und Chelmno. Nur diese vier Vernichtungslager wurden nicht von der IKL verwaltet, die Lager der "Aktion Reinhard" unterstanden dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA).

Im März 1942 wurde die IKL unter die Leitung des SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamtes (WVHA) gestellt. Die Führung erkannte, daß man den Krieg gegen die Sowjetunion nicht im Blitzsieg erringen könnte. Deswegen wurde die Zwangsarbeit der Häftlinge intensiviert für die Rüstungsindustrie. Für eine bessere Koordination, nahm man diese Umstrukturierung vor. Seitdem nannte sich die IKL "Amtsgruppe D" im WVHA.

Die Mitarbeiter des RSHA war verantwortlich für die Verfolgung in den verschiedenen Ländern und für Deportationen in die Lager. Die IKL war verantwortlich für die Geschehnisse in den Lagern. Beide arbeiteten eng zusammen.

Der Raum über dem Portal mit dem Balkon war das Dienstzimmer des Inspektors der IKL, also das von Eicke und Glücks. Über dem Portal stand das SS-Motto "Meine Ehre heißt Treue". Hierüber schrieb Himmler 1936: "Als dritte Richtlinie und Tugend, die zum Aufbau und Wesen dieser Schutzstaffel notwendig ist, sind die Begriffe Treue und Ehre zu nennen. Beide sind unlösbar voneinander. Sie sind niedergelegt in zwei Sätzen, in dem Satz, den der Führer uns geschenkt hat: 'Meine Ehre heißt Treue' und in dem Satz des alten deutschen Rechts: 'Alle Ehre von Treue kommt'.

Viele Dinge, so lehren wir den SS-Mann, können auf dieser Erde verziehen werden, eines aber niemals, die Untreue. Wer die Treue verletzt, schließt sich aus aus unserer Gesellschaft. Denn Treue ist eine Angelegenheit des Herzens, niemals des Verstandes. Der Verstand mag straucheln. Das ist manchmal schädlich, aber niemals unverbesserlich. Das Herz aber hat immer denselben Pulsschlag zu schlagen, und wenn es aufhört, stirbt der Mensch genauso wie ein Volk, das die Treue bricht...

Die vierte Richtlinie und Tugend, die für uns gilt, ist die des Gehorsams; des Gehorsams, der bedingungslos aus höchster Freiwilligkeit kommt; [...] des Gehorsams, der nicht ein einziges Mal zaudert, sondern der bedingungslos jeden Befehl befolgt, der vom Führer kommt oder rechtmäßig von den Vorgesetzten gegeben wird [...]".(79)

Dieser Treue-Begriff war in der SS ein zentraler Bestandteil der Ideologie. Er war notwendig, um die SS-Mitglieder an die Organisation zu binden. Die SS war eine Parteiorganisation, die das demokratische System der Weimarer Republik überwinden wollte. Demzufolge konnten in der SS und NSDAP keine staatsbürgerlichen Loyalitäten, wie man sie heute aus Militär und Beamtentum kennt, beansprucht werden, denn diese waren an den Staat gebunden. Weil das von den Nationalsozialisten entwickelte Staatsverständnis ein völlig neues war, konnte natürlich auch nicht an "alte" Loyalitäten (monarchistische) angeknüpft werden. "Treue" mußte völlig neu entwickelt werden.

 

Die vier Abteilungen

D I: Das Zentralamt

Dieses Amt war hauptsächlich im Erdgeschoß angesiedelt. Hier wurden die zentralen Entscheidungen getroffen, z. B. über Strafen und Strafmaß der Häftlinge, Hinrichtungen, welche Häftlingsgruppen zu töten seien und wie. Jeder Transport des Giftgases Zyklon-B brauchte die Genehmigung dieser Abteilung. In einer solchen Genehmigung heißt es lapidar: "Fahrgenehmigung für einen 5 To. LKW mit Anhänger nach Dessau und zurück, zwecks Abholung von Materialien für die Judenumsiedlung [!], wird hiermit erteilt."(80)

Seit April 1943 bis 1945 war Rudolf Höß (Kommandant von Auschwitz von 1940-1943) Leiter dieser Abteilung. In seinen Aufzeichnungen schrieb er: "Viele Lager kannte ich noch gar nicht persönlich. — Bei D I wurde der ganze Schriftverkehr des IKL [Inspekteur der KL] mit den Lagern, soweit es sich nicht um reine Arbeitseinsatz-, Sanitäts- oder Verwaltungsangelegenheiten handelte, registriert. Man konnte von hier aus schon einen Überblick über alle Lager erhalten, mehr aber auch nicht. Was in den Lagern vorging, wie die Lager wirklich aussahen, ersah man aus dem Schriftverkehr, aus den Akten nicht."(81) Der letzte Satz ist nur teilweise richtig. Die Aussage ist insofern richtig, als es tatsächlich schwierig ist, sich das Geschehen in den Lagern vorzustellen. Der Satz ist insofern falsch, als die Korrespondenz mehr oder weniger offensichtliche Hinweise gibt. Auf Grund der Tatsache, daß Höß Kommandant von Auschwitz war, hat er die Zustände dort gesehen und war verantwortlich für die Geschehnisse bis 1943. "In seinem neuen Hauptquartier in Oranienburg erwarb Höß detaillierte Kenntnisse über das gesamte Lagersystem — seine Größe, Verwaltungsmethoden und Entscheidungsfindungsprozesse. Als Lagerkommandant von Auschwitz war er verantwortlich für einen Teil dieses Systems und unfähig, dies als ganzes zu begreifen."(82)

Höß wohnte von 1943 bis 1945 in einer der sechs Villen für die höchstrangigen Mitarbeiter der IKL, die sich an der heutigen Bernauer Straße von hier aus Richtung Innenstadt befinden.


Rot markiert die IKL, links daneben mit blauer Markierung die Villen der Abteilungsleiter der IKL. Gelb markiert ist die Reihe der Führerhäuser. Links neben der IKL (ohne Markierung) befand sich die Wohnsiedlung der einfachen IKL-Mitarbeiter, also oberhalb der blauen Markierung.

 

Eine der sechs ehemaligen Dienstvillen der IKL-Abteilungsleiter an der heutigen Bernauer Straße.

D II: Arbeitseinsatz der Häftlinge

Die Zwangsarbeit wurde von diesem Amt verwaltet. Firmen, die Häftlinge als billige Arbeitskräfte anmieten wollten, beantragten dies hier. Seit 1942 wurde die Verwaltung zentralisiert und systematisiert. Bis Frühjahr 1942 waren die Lagerkommandanten verantwortlich für die Häftlingszwangsarbeit, anschließend war die Genehmigung dieser Abteilung notwendig. Nicht nur Firmen haben Häftlinge angemietet, sondern auch beispielsweise Bauern. Seit 1939 waren Arbeitskräfte zunehmend rar geworden, weil viele der Armee beitraten oder eingezogen wurden. Dadurch wurden Häftlinge gezwungen, für Bauern zu arbeiten.

Im Oktober 1942 gab Himmler die Anweisung, daß die deutschen Lager "judenfrei" zu machen seien. Diese Abteilung verlangte die Registrierung für jeden inhaftierten Juden. Darüber hinaus verlangte Maurer (zu diesem Zeitpunkt Leiter dieser Abteilung) die Kennzeichnung eines jeden jüdischen Häftlings, die in den deutschen Lagern sich befanden, sofern sie wichtige Arbeit verrichteten.

D III: Sanitätswesen und Lagerhygiene

Der Leiter Enno Lolling war verantwortlich für extrem schlechten Bedingungen in den medizinischen Blöcken der Lager. Meist wurde kranke Häftlinge ermordet anstatt sie zu heilen. Seit 1941 fanden auch medizinische Experimente statt. Homosexuelle Häftlinge sollten "geheilt" werden durch Drüsentransplantationen. Diese Experimente fanden in Buchenwald statt. In Ravensbrück und Auschwitz wurde Frauen durch Röntgenstrahlen und ätzenden Flüssigkeiten unfruchtbar gebracht. In Sachsenhausen fanden Hepatitis-Experimente statt. Für diese Experimente wurden jüdische Kinder und Jugendliche 1943 aus Auschwitz nach Sachsenhausen gebracht. Im September 1944 wurden russische Kriegsgefangene, die bereits zum Tode verurteilt worden sind, ermordet, indem man giftige Munition in die Oberschenkel geschossen hatte. Dies Experiment ist ein Beispiel, wie die IKL mit dem RSHA zusammengearbeitet hat. Eingebunden in diese Versuche war Dr. Widmann, Leiter der Abteilung "Chemie und Biologie" des Reichssicherheithauptamts.

Die genannten Versuche sind natürlich nur Beispiele.

D IV: KL-Verwaltung

Diese Abteilung bestimmte das Alltagsleben der Häftlinge. Entscheidungen über die Verpflegung und Unterbringung wurden hier getroffen. Hiervon abgesehen, war diese Abteilung auch zuständig für "Kleinkram", z. B. welche Größe die Häftlingsdreiecke haben sollten, wie die Formulare für Krematorien und Häftlingskarteikarten auszusehen hatten usw.

Einführung

"Turm A"

Lageran-fahrtsstraße

Kaserne

Kantine

Bunker

Heizwerk

Hundert-
schaftsgebäude

Villa Eicke

Eingang zum Polizei-
präsidium

Polizeigelände

Führerhäuser

IKL

Resumée

Literatur

Anmerkungen

(78) Vgl. die Verfügung Himmlers, publiziert in: Tuchel, Johannes: Konzentrationslager. Organisationsgeschichte und Funktion der "Inspektion der Konzentrationslager" 1934-1938, Boppard a. Rhein 1991, S. 209f.

(79) Heinrich Himmler in seiner Schrift "Die SS als antibolschewistische Kampforganisation" (1936), zitiert nach: Buchheim, Heinz: a. a. O., S. 284.

(80) Tuchel, Johannes: a. a. O., S. 176.

(81) Höß, Rudolf: a. a. O., S. 204.

(82) Lasik, Aleksander: Rudolf Höss: Manager of Crime, published in: Gutman, Yisrael/Berenbaum, Michael (eds.):: Anatomy of the Auschwitz Death Camp, Bloomington 1994, S. 288-300, hier S. 295.

 

 

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