Im Ausgangsposting wurde auf ein Video verwiesen, dass besagt, dass Alfred Hitchcock einen Film über die Befreiung der Konzentrationslager gedreht hätte. Hieran ist etwas Wahres, allerdings werden Behauptungen aufgestellt, die mehr als fragwürdig sind.

Schon die Überschrift ist erlogen. Es ist nicht lohnenswert, sich mit der Quelle wissenschaftlich detailliert auseinanderzusetzen. Der Verweis auf dieses Video zeigt allenfalls, wie wenig quellenkritisch Dinge gepostet werden, wenn sie ins eigene Weltbild passen. Das Posting ist für jeden Revisionisten ein echtes Armutszeugnis.

Zunächst zeige ich kurz, woher das Video stammt, wer diese Behauptungen aufstellt, worin die Probleme bestehen und was die historische Wahrheit ist.

Über das revisionistische Video

Das Video ist knapp 10 Minuten lang, sowohl die Sprache als auch der Vortragende können wohl kaum überzeugend sein. Hier der Beginn des Videos (die ersten 35 Sekunden):

Die Behauptung, dass kranke und tote deutsche Kriegsgefangene als Statisten für den Film herhalten mussten, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falsch, weil diese Behauptung nicht verifizierbar und die Quelle hierzu höchst fragwürdig ist. Wäre dem so, gäbe es ganz gewiss noch andere Quellen, von dieser hier unabhängigen Quelle.

Hitchcock, siehe nächster Abschnitt, hat den Auftrag erhalten, als Regisseur die Filme, die die Alliierten bei der Befreiung der Lager und kurze Zeit danach drehten, zusammen zu fügen und zu schneiden. Das Filmmaterial stand also schon zur Verfügung.

Eine eidesstattliche Erklärung allerdings macht man nicht einfach so, sondern hierzu bedarf es einen behördlichen Hintergrund, weswegen es leicht fallen sollte, eine Fundstelle anzugeben.

Eine solche Erlärung ist geregelt im §27 VwVfG. Sie hat nur Gültigkeit, wenn sie von einer Behörde anerkannt wurde, der bzw. die Erklärende auch zuvor über die Konsequenzen einer unwahren Behauptung aufgeklärt wurde.

An der unterstellten Geschichtsfälschung ist nichts dran. Die eidesstattliche Erklärung erschien bisher nur in einschlägigen revisionistischen Publikationen, eine Fundstelle wurde nicht ausgewiesen. Im Video ist die Erklärung unscharf zu sehen, lediglich der Autor ist besser erkennbar. Suchmaschinen liefern dann den vollständigen Artikel, der in der revisionistischen Zeitschrift "Historische Tatsachen" in der Nummer 92 (2003 laut handschriftlichem Eintrag) erschienen ist. Weitere Dokumente sind nicht recherchierbar, die sich auf die Erklärung beziehen.

Hier erst einmal die Erklärung:

Erst einmal etwas Formales: Im letzten Satz behauptet der Verfasser, wahrheitsgetreu berichtet zu haben, eines eidesstattliche Erklärung ist dies aber nicht. Diese zeichnet sich durch eine Formulierung wie "ich erkläre an Eides statt..." o. ä. aus. Gerade Revisionisten achten auf Formalia (siehe mein Abschnitt über das Wannsee-Protokoll), wieso wird hier darauf verzichtet?

Nun zum Inhaltlichen:

Ein deutscher Soldat wurde als Kriegsgefangener von den Amerikanern entlassen. Er kommt nach Weimar, laut Bericht am 6. Juni 1945, also 3 Wochen, bevor die amerikanischen Truppen abziehen und Thüringen zur sowjetisch besetzten Zone gehört. Er trifft laut Bericht den Burschen von Ernst Thälmann. Ihm wurde berichtet, wie Ernst Thälmann durch allierte Bomben umgekommen sei.

Zwar sind die genauen Umstände des Todes umstritten, aber obige Erklärung nimmt Bezug auf das NS-Propagandablatt "Völkischer Beobachter", das am 28. August wahrheitswidrig dies behauptet hatte.(1)

Seit dem Reichstagsbrand 1933 war Thälmann Hitlers "persönlicher" Gefangener. Er saß in verschiedenen Gefängnissen ein. Aus einer Unterschrift von Heinrich Himmler geht hervor, das Hitler in der Wolfsschanze den Auftrag gegeben hat, ihn zu liquidieren. Er wurde ins KZ Buchenwald gefahren und Tod erschossen.(2)

Unmittelbar nach Kriegsende gab es in der amerikanischen Zone ein striktes Reiseverbot, das erst am 28. 12. 1945 vollständig aufgehoben wurde, generell war die Freizügigkeit in den ersten Monaten nach Kriegsende sehr stark eingeschränkt. Fraglich ist auch, dass Kilanowski gefahren worden sei von Hof nach Weimar.

Auch wenn er nach Weimar gelangt sein sollte: warum besucht er dan freiwillig das ehemalige KZ Buchenwald, das sich auf dem Ettersberg befindet und somit nicht in unmittelbarer Nähe der Innenstadt?

Der entlassene Soldat findet in Weimar keine Arbeit, fährt nach Erfurt. Er sieht einen Zug voller ausgemergelter Menschen, die ihn um Hilfe bitten und um Wasser, ihn mit "Kamerad" anreden. Kilanowski geht davon aus, dass es sich um deutsche Soldaten handelt, zumindest wird ihm dies sehr viel später angeblich bestätigt.

22 Jahre später fliegt dieser Soldat in die USA nach Cape May, er wurde eingeladen. Von wem und zu welchem Anlass er eingeladen wurde, ist offen. Dies preiszugeben, würde die Glaubwürdigkeit immens erhöhen. Aus dem Bericht geht ferner hervor, dass er dort zwei amerikanische Soldaten trifft, Kalinowski erzählt ihnen von seinem Erlebnis in Erfurt. Die amerikanischen Soldaten sollen damals in Heidelberg stationiert gewesen sein und den Erfurter Zug kennen. Sie erklären ihm, dass es sich um deutsche Soldaten gehandelt haben soll, die als Statisten für den Film herhalten sollten.

Es ist schon ein großer Zufall, 22 Jahre später auf ehemalige amerikanische Soldaten zu stoßen, die hiervon Kenntnis hatten. Noch sehr viel mehr zum Nachdenken sollte Anlass geben, dass Heinz Kilanowski mit diesem Wissen noch weitere 30 Jahre wartete, um es publik zu machen.

Im revisionistischem Video wird ferner behauptet (ab Minute 00:50), dass es mehrere deutsche und amerikanische Soldaten waren, die obiges an eidesstattlich erklärten. Davon ist im Text nicht die Rede!

Wie die Phantasie des Vortragenden im Video dann durchgeht, zeigt folgende Sequenz, nachdem der Vortragende den Textinhalt mit eigenen Worten wiedergegeben hat:

 

Dem Text ist nicht zu entnehmen, dass die Soldaten, sofern es dieses Ereignis überhaupt gegeben hat, "extra krank gemacht wurde" und "vorher gesund waren".

Wie wenig der Vortragende von deutscher Geschichte weiss, wird an der letzten von mir gezeigten Sequenz deutlich:

Am Ende des Vortrags übernimmt der Vortragende den Fehler am Textende und spricht vom 16. Juni 1946. Zu diesem Zeitpunkt haben seit fast einem Jahr die Amerikaner Buchenwald verlassen, Thüringen wurde zur sowjetisch besetzten Zone bereits Anfang Juli 1945. Aus dem KZ Buchenwald wurde das sowjetische Speziallager Nr. 2, die ersten 46 Häftlinge trafen schon 21./22. August 1945 ein. (vgl. Ritscher 1998, S. 293)

Dies ist ein weiteres Beispiel für den unkritischen Umgang mit Quellenmaterial.

Dennoch kann es einen solchen Gefangenentransport in Erfurt gegeben haben, der auch Tote kostete. So berichtet ein Kriegsgefangener von seiner Verlegung:

"Wir haben den 7. Mai, werden verladen in Eisenbahnwaggons. Jeder bekommt eine Einmannration, und nun stehen wir in den offenen Waggons. Vor uns transportierte man Kohlen damit, jetzt drängeln sich 60 abgewrackte Lanzer darin. Die Fahrt will kein Ende nehmen. Mein Geburtstag, 8. Mai, geht vorüber. Langsam schwinden die Kräfte. Am 9. Mai endlich hält der Zug. Die Türen werden entriegelt. Wir sollen aussteigen und vorher die Toten auf dem Bahnsteig ablegen. Es wird eine lange Reihe. Der Bahnsteig reicht gerade."

Quelle: Tagebuch Alfred Misselhorn, online abrufbar unter diesem Link, zuletzt eingesehen am 10. 3. 2019.

Spätestens durch den Abgleich mit anderen Erlebnisberichten kriegsgefangener Soldaten in der unmittelbaren Nachkriegszeit drängen sich Fragen auf:

  • Warum wurde er so früh entlassen?
  • Wie kommt es, dass er so gut behandelt wurde im Vergleich zu anderen?
  • Er fährt nach Weimar, um Arbeit zu finden, er sorgt sich nicht um seine Familie?
  • Die ehemaligen Häftlinge aus den verschiedensten Ländern Europas sprechen mit einen Deutschen, noch dazu in Uniform?

Insgesamt evoziert der Bericht zu viele Fragen, weil das Dargestellte nicht ins Bild der damaligen Zeit passt. Mir scheint eher, dass hier eine Geschichte frei erfunden wurde.

(1) Völkischer Beobachter. Norddeutsche Ausgabe (Berlin), 16. September 1944 laut Wikipedia unter dem Stichwort "Ernst Thälmann"

(2) Schüler, Hans: Hinterrücks, aber nicht heimtückisch? Kölner Staatsanwälte weigern sich seit zwanzig Jahren, die Mörder des KPD-Vorsitzenden anzuklagen, in Die Zeit online, letzte Aktualisierung am 21. 11. 2012, Link zuletzt eingesehen am 3. 3. 2019

Ich habe gezeigt, wie fragwürdig das Geschilderte tatsächlich ist. Die Tatsache, dass es keinerlei weitere Dokumente oder Aussagen gibt, die obiges bestätigen könnten, läßt vermuten, dass es sich um einen erfundenen Vorgang handelt. Verstärkt wird dies auch dadurch, dass der Autor am Fall des ermordeten Kommunisten Ernst Thälmann die NS-Propaganda wiedergibt.

Mancher wird den Vortragenden erkannt haben. Im nächsten Abschnitt zeige ich kurz, um wem es sich handelt und was der Vortragende sonst noch behauptet, was seine Glaubwürdigkeit noch weiter sinken lässt. Ein kleiner Exkurs:

Über den Vortragenden

Beim Vortragenden handelt es sich um den früheren Schlagersänger Christian Anders. Wie er dazu kommt, sich als "Mensch jüdischer Abstammung" zu bezeichnen, ist offen. In seinem Lebenslauf gibt es keinerlei Hinweise hierauf.

Christian Anders brachte sein Vermögen von 25 Millionen Euro durch, war sogar obdachlos. er wurde zum Anhänger einer obskuren Sekte, laut seiner Aussage diktierte man ihm in den USA ein 5000 Seiten umfassendes Buch, das "Buch des Lichts". Am Ende des hier gezeigten Videos macht er auch Werbung hierfür, er verkauft das Buch in einzelnen Teilbänden.

Er unterhält einen Kanal auf Youtube, dort präsentiert er ein Sammelsurium aller denkbaren Verschwörungstheorien. Die obskuresten Inhalte sind:

  • Albert Einstein war geistig behindert
  • Salz macht schwanger
  • Hitler war ein Kommunist

Der Vortragende ist ganz gewiss niemand, der eine Quelle bewerten kann.

Sein Kanal ist hier online, zuletzt eingesehen am 3. 3. 2019.

Zwar sind die Ansichten des Vortragenden sehr abstrus, allerdings gibt er eine revisionistische Quelle wieder. Diese habe weiter oben schon hinreichend kritisiert. Nun zeige ich noch kurz den historischen Hintergrund über die Rolle Hitchcocks auf:

Über Alfred Hitchcocks Beitrag

Die Alliierten dokumentierten die Zustände der KZs unmittelbar nach der Befreiung. Hierfür gab es die so genannte "Army Film Production Unit" der Briten. Dort arbeitete Sidney Bernstein für das britische Informationsministerium. Die Filmrollen kamen (auch die der Sowjets) alle nach London. Aufgrund der Fülle des Materials fragte Bernstein seinen Freund Hitchcock an, ob dieser die Filme schneiden wolle.

Hitchcock, so erzählt er über sich 1962, wollte seinem Land dienen, damals besaß er noch die britische Staatsbürgerschaft. Bernstein gelang es, Hitchcock nach Großbritannien zu bringen. Hitchcock kam Ende Juni 1945 in Großbritannien an und hielt sich dort nur kurz auf. Er betrat nicht deutschen Boden, wie es die Aussage sugeriert, demzufolge kann er nicht als Regisseur tätig geworden sein. Er nutze das Material, das in London ankam.

Der Film wurde nie fertig gestellt. Die Alliierten erkannten, dass der Film aufgrund des notwendigen Wiederaufbaus und wegen des Kalten Krieges nicht aufführbar war. Er verschwand schon im August 1945 in den Archiven.

Der Film wurde auch nicht für den Nürnberger Prozeß gedreht. Er sollte in deutschen Kinos gezeigt werden zur Aufklärung und Umerziehung. Allerdings verwendete man ein paar Aufnahmen (also vom Ausgangsmaterial) für den Prozeß.

Auf der Berlinale 2014 wurde die Dokumentation "Night will fall" gezeigt, 2015 dann im Fernsehen.

 

 

Für die jüngeren Leser kurz eine Bemerkung zu Alfred Hitchcock:

Anmerkungen über den Regisseur Alfred Hitchcock

Alfred Hitchcock war ein amerikanischer Regisseur, Drehbuchautor und Produzent. Er verstarb 1980. Er drehte insbesondere Thriller, bekannte Titel sind "Vertigo - aus dem Reich der Toten", "Marnie", "Die Vögel" und viele andere. insgesamt umfasst sein Werk 53 Filme.

Fazit

Die Geschichte des entlassenen Soldaten ist unglaubwürdig, seine Situation und Konstitution entspricht nicht die der Soldaten unmittelbar nach Kriegsende. Außerdem war die Freizügigkeit für Deutsche stark eingeschränkt, ein freies Bewegen war innerhalb der Besatzungszonen nicht möglich. Insgesamt erscheint mir der Wahrheitsgehalt der sg. "eidesstattlichen Erklärung" als nicht gegeben.

Literatur

Ritscher, Bodo: (1998): Speziallager Nr. 2 Buchenwald, in: Plato, Alexander von (Hrsg.): Sowjetische Speziallager in Deutschland 1945 bis 1950. Studien und Berichte, Bd. 1

Einführung: Warum Auschwitz?

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