Sitemap Impressum/Datenschutzhinweis

Alltagsantisemitismus: ein Beispiel

Ausgangspunkt der kommentare war ein Posting der Gruppe "We ware watching you", die ein Posting des Berliner Tagesspiegels geteilt hatte. Thematisch ging es im Beitrag um die Jugendorganisation "Linksjugend [’solid]". Auf deren Bundeskongress wurde offen zum (Cyber)mobbing Andersdenkender über Israels Politik aufgerufen. Beispielsweise wurde angedroht, Abgeordnete, die angeblich nicht radikal genug seien, in ihren Hotelzimmern nachts aufzusuchen. Dies führte zur Abreise einiger Abgeordneten (vgl. den Link hier, aufgerufen am 14. 11. 2025).

Eindeutige Namen sind natürlich anonymisiert aus Datenschutzgründen, lediglich meiner ist klar lesbar. Die Vornamen, sofern es sich nicht um außergewöhnliche Vornamen und somit leicht identifizierbare handelt, bleiben aus Gründen der Lesbarkeit erhalten.


Auf diesen Beitrag hatte sich das Parteimitglied Jan aus der Partei "Die Linke" kritisch zum Antisemitismus in den eigenen Reihen geäussert am 5. November 2025:


Der Mitdiskutant Lukas postete daraufhin:

Hier zeigt sich bereits ein vereinfachtes Schwarz-Weiss-Denken, eine nicht unwesentliche Voraussetzung für Antisemitismus. Obwohl Jan im Ausgangsposting klar äussert, dass Israels aktuelle Politik unter Netanjahu kritisiert werden muss, wird ihm unter dem Vorwurf des Rassismus seine politische Einordnung als Links (sogar als bekennendes Parteimitglied) abgesprochen. Entweder man ist gegen Israel oder für Israel. Zwischentöne gibt es nicht, wer sich auch differenziert wie Jan zu Israel bekennt, wird verunglimpft.
Zunächst ein paar seiner Antworten auf andere Postings, um seinen unsachlichen Populismus aufzuzeigen.

Antworten wurden sofort ad hominem und populistisch eingeleitet, auch anderen gegenüber äusserte er sich vollkommen unsachlich. Es fielen Sätze und Begriffe wie "Genozid/weisser Altherren/Kolonialist/Pseudo-Linker", vorgeworfen wurde, dass seine Diskussionspartner bezahlte Fake-Accounts seien, und "Geschichten aus dem Paulanergarten" u. v. a.:

 

 

 

Soweit erst einmal die Beispiele des unsachlichen Populismus. Bereits in einigen Antworten klingen darüber hinaus problematische Formulierungen an, die, sofern sie für sich stehen, zwar noch nicht antisemitisch zu deuten sind, im Geamtkontext sich dann aber ein anderes Bild ergibt. Dies betrifft ganz besonders die Verwendung des Begriffs "Siedlerkolonialismus" bzw. "Kolonialrhetorik-Zionismus". Hier wird Zionismus gleich gesetzt mit Kolonialismus ("Kolonialrhetorik-Zionismus").

Die Diskussion mit mir: Spätestens hier zeigen sich antisemitische Stereotypen

In der kurzen Diskussion mit mir zeigten sich die antisemitischen Stereotypen deutlicher. Zunächst einmal meine Erwiderung auf sein Posting zur Thematik "Links-sein" (in seinen Worten, siehe oben):

Lukas entgegegnete hierauf:

Anstatt sachliche Gegenargumente zu liefern, wurde sofort mit dem unter Populisten beliebten Vorwurf, die Informationen aus dem öffentlich-rechtlichem Rundfunk zu beziehen, meine Argumente abgewertet. Somit sind seine Argumente über jeden Zweifel erhaben. Ganz gezielt hatte ich hier die Hamas erwähnt, da das Massaker am 7. Oktober 2023 der Auslöser des Antisemitismus und auch der der Reaktion Israels ist. Ohne dieses Massaker wäre der Gazastreifen (auch wenn die Bedingungen zuvor auch nicht akzeptabel waren) nicht zerbombt worden. Und vor allem muss akzeptiert werden, dass dieser Terror, diese Gewaltorgie keine Methode eines akzeptablen Widerstands sein kann.

Natürlich hat Lukas Recht mit der Aussage, dass Unterdrückung und Ungerechtigkeiten einen Nähboden für radikale Bewegungenbieten. Allerdings muss differenziert werden zwischen "Radikalismus" und "Extremismus" beziehungsweise "Terror". Hierüber kann man natürlich (akademisch) streiten. Allerdingszeigt sich bereits in diesem Posting eine Täter-Opfer-Umkehr und damit eine typische antisemitische Stereotype:

Zwar wehrt sich Lukas gegen die Aussage, dass er letztlich die Methoden der Hamas akzeptieren würde, im selben Atemzug aber wirft er mir eine Verwechselung von Ursache und Symptom vor. Damit wird erneut Israel (bzw. der Jude) allein Verantwortlich für den Konflikt gemacht.

"Israel ist selbst schuld" bzw. "die Juden sind selbst schuld". Nicht nur, dass die Politik Israels einseitig betrachtet und eine Mitschuld der Palästinenser negiert wird, sondern ausserdem mit der Aussage, dass die Hamas ein Produkt der isralischen Politik sei, wird deren Widerstand und Methoden unter Berufung auf Bertold Brecht zur legitimen Pflicht gekürt und eine Täter-Opfer-Umkehr betrieben.

Außerdem: Natürlich ist die Hamas auch ein Produkt des Korans. Ihre Charta bezieht sich ausdrücklich auf den Islam. Erstens ist sie ein Ableger der in einigen arabischen Ländern (zum Beispiel Ägypten) verbotenen Muslimbruderschaft, zweitens ist die Charta der Hamas durchzogen mit islamistischen Bezügen. Kaum ein Artikel kommt ohne Bezug zum Islam aus. Nur ein paar wenige Beispiele:

"Ihr (Gläubigen) seid die beste Gemeinschaft, die unter den Menschen entstanden ist. Ihr gebietet, was recht ist [...]. Wenn die Leute der Schrift (ebenfalls) glauben würden (wie ihr). wäre es besser für sie. [...} Aber die meisten von ihnen sind Frevler."

Aus der Präambel:

"Gelobt sei Gott, dessen Hilfe und Vergebung wir erbitten".

Aus dem Artikel 2:

"Die Islamische Widerstandbewegung ist einer der Flügel der Muslimbrüder in Palästina".

Aus dem Artikel 3:

"'Und ich habe die Jinn und Menschen nur dazu geschaffen, dass sie mir dienen' (51:56). Sie erkannten ihre Pflicht gegenüber sich selbst [...}. Sie erhoben das Banner des Jihad im Angesicht der Unterdrücker, um das Land und die Diener Gottes vor deren Schmutz, Infamie und Übel zu befreien. Wir werfen die Wahrheit auf das, was erlogen ist. Da macht sie ihm den Garaus. Und auf einmal ist nichts mehr von ihm da.' (21:18)

Die Zitate stammen aus Helga Baumgarten: Hamas. Der politische Islam in Palästina, Neuauflage Basel 2024, S. 281ff. Die erste Zahl in den Klammern bezeichnet die Sure, die zweite Zahl den Vers im Koran.

Linkes Gedankengut, die Werte wie Gleichberechtigung, Demokratie, Gleichheit, Werte der Französichen Revolution usw. und die Unterstützung einer religiös-fundamentalistischen Bewegung, passen nicht zusammen. Aber Feind meines Feindes ist mein Freund...

Die von mir genannten Fakten (beispielsweise die Nicht-Anerkennung der Abkommen Oslo I und II wurden, dies zeigt ein weiteres Posting im Verlauf der Diskussion, pauschal abgewertet, ohne die Gesamtumstände zu hinterfragen.
Hier erst einmal meine Antwort:

 

Seine Antwort auf mein obiges Posting gliederte er in zwei Teile:

1. einen "allgemeinen" Teil und

2. einen seiner Meinung nach auf Fakten basierten, der den ersten Teil mit Fakten unterfüttern soll.

Zunächst der ersten Teil:

Im Folgenden werde ich seine Aussagen absatzweise kommentieren, damit die Übersicht gewahrt bleibt. Erst einmal der erste Absatz:

Bezüglich der Einteilung der Gebiete in A, B und C hat Lukas formal vollkommen recht. Allerdings, darauf weist er im 2. Absatz bereits hin, sollte es sich um einen Interimszustand handeln. Allen Beteiligten war damals klar, dass der Friedensprozess mit den Abkommen Oslo I (September 1993) und Oslo II (September 1995) keineswegs abgeschlossen ist. Der Interimszustand wurde ein Dauerzustand, weil dieser Prozeß ins Stocken geriet, denn leider hatte sich die palästinensische Seite (insbesondere die Hamas im Gazastreifen) nicht an das Abkommen gehalten. Zentrale Punkte:

Statt dessen gab es zahlreiche Selbstmordattentate, hier nur ein kleiner Auszug:

25.02.1996: Palästinensischer Hamas-Selbstmordattentäter mit Autobombe gegen Bushaltestelle in Ashkelon – 2 Tote, 34 Verletzte
25.02.1996: Palästinensischer Hamas-Selbstmordattentäter gegen Bus in Jerusalem – 26 Tote, 50 Verletzte
24.07.1995: Palästinensischer Hamas-Selbstmordattentäter gegen Bus in Jerusalem – 5 Tote, 100 Verletzte
24.07.1995: Palästinensischer Hamas-Selbstmordattentäter gegen Bus in Tel Aviv – 6 Tote, 32 Verletzte
22.01.1995: 2 Islamistische Selbstmordattentäter in Bushaltestelle in der Scharonebene – 21 Tote, 69 Verletzte
19.10.1994: Palästinensischer Selbstmordattentäter gegen Bus in Tel Aviv – 23 Tote, 56 Verletzte
13.04.1994: Palästinensischer Selbstmordattentäter gegen Bus in Chadera – 6 Tote, 30 Verletzte
06.04.1994: Palästinensischer Selbstmordattentäter mit Autobombe gegen israelische Studenten in Bus in Afula – 8 Tote, 55 Verletzte
25.02.1994: Massaker in der Grotte der Patriarchen durch muslimische Palästinenser – 29 Tote, 125 Verletzte
04.10.1993: Palästinensische Selbstmordattentäter mit Autobombe gegen Bus mit Soldaten – 1 Toter, 30 Verletzte

Alle diese Attentate haben nach und nach das Vertrauen in den Friedensprozeß geschwächt und in Israel die extreme Rechte gestärkt. Beispielsweise hate eine Jüdin nach einem der Attentate geäussert, Angst zu haben, Bus zu fahren, sie hätte sich bisher nicht vorstellen können, Likud zu wählen.

Wenn man sich Israels Politik anschaut, sind auch dort Fehler gemacht worden. Natürlich sind die jüdischen Siedlungen, wie sie später forciert worden sind, kontraproduktiv. Aber sie sind eben auch ein Resultat des palästinensischen Terrors. Anstatt dies einzubeziehen, wird dies vehement verschwiegen, damit Israel als der allein Schuldige diffamiert werden kann. "Israel bzw. der Jude ist selbst schuld", eine alte tradierte antisemitische Stereotype.

In der Westbank wurde eine palästinensische Selbstverwaltung installiert, so dass die Behauptung, es handele sich um ein "palästinensisches Versailles" maßlos überzogen ist. In Versailles haben Siegermächte ohne Beisein Deutschlands verhandelt. Ganz im Gegensatz zu den Oslo-Abkommen, an denen die PLO unter der Führung Arafats beteiligt war.

Auch dies gehört zur Klaviatur des modernen Antisemitismus: Anleihen zu machen an die deutsche Geschichte, manche setzen Israels Politik gleich mit Faschismus, hier exemplarisch zwei Beispiele eines anderen Kommentators im selben Thread:


 

Zurück zu Lukas' Posting, auf das von Lukas erwähnte Wye-Abkommen gehe noch ein. Desweiteren schrieb er:

Diese beiden Absätze fasse ich inhaltlich zusammen, da Anerkennung Israels und das Existenzrecht sehr nah beieinander liegen.

Zunächst widerspricht er sich, indem er einen Zeitsprung macht. Denn die Oslo- und Wye-Abkommen liegen deutlich vor 2017. Somit kann die Forderung nach Anerkennung in den 90er Jahren nicht mit einem Dokement aus dem Jahr 2017 beantwortet werden, wenn es denn überhaupt inhaltlich im erwähnten Dokument stehen würde.

Jerusalem:

Die Einschränkung auf Ost-Jerusalem ("Linien vom 4. Juni 1967 (mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt") ist unzulässig, denn im gesamten Dokument ist immer von Jerusalem als Ganzes die Rede:

Unter Punkt 7 heisst es:

Within Palestine there exists Jerusalem, whose precincts are blessed by Allah.

Im Punkt 10 wird gar den Juden der Anspruch auf Jerusalem verwehrt, der Stadt Jerusalem wird ein eigener Abschnitt gewidmet:

"Jerusalem:

10. Jerusalem is the capital of Palestine. Its religious, historic and civilizational status is fundamental to the Arabs, Muslims and the world at large. Its Islamic and Christian holy places belong exclusively to the Palestinian people and to the Arab and Islamic Ummah. Not one stone of Jerusalem can be surrendered or relinquished. The measures undertaken by the occupiers in Jerusalem, such as Judaization, settlement building, and establishing facts on the ground are fundamentally null and void. "

Zitiert nach der Onlinefassung, das Dokument kann hier in englischer Sprache gelesen werden.

Die Jerusalemfrage ist hier von zweierlei Bedeutung:

1. Der UN-Teilungsplan teilte Jerusalem in zwei Hälften, der westliche Teil ging an Israel, der östliche an die Palästinenser. Wenn die Hamas auf Jerusalem als Ganzes besteht, geht sie über den Teilungsplan hinaus, bereits das ist ein deutliches Indiz dafür, Israel nicht anzuerkennen.

2. Augrund der Bedeutung Jerusalems für die drei Weltreligionen war bereits vor und vor allem während der Oslo-Abkommen Jerusalems Status bewusst offen gelassen worden. Wenn die Hamas auf Jerusalem als Ganzes besteht, sollte allen Beteiligten kar sein, dass sich diese nicht erfüllen lässt. Es handelt sich hier um eine Maximalforderung, die von vorn herein eventuelle Verhandlungen stoppen würde. Diese Forderung ist ein Indiz dafür, dass Hamas keinerlei Verhandlungslösungen anstrebt.(1) Hinzu kommt, dass von der jüdischen Religion nur im Negativen geschrieben wird, es ist nur von christlichen und arabischen heiligen Plätzen die Rede.

Existenzrecht

Schon unter Punkt 18 lehnt die Hamas die Existenz des Staates Israel ab:

18. The following are considered null and void: the Balfour Declaration, the British Mandate Document, the UN Palestine Partition Resolution, and whatever resolutions and measures that derive from them or are similar to them. The establishment of “Israel” is entirely illegal.

Zitert nach ebd., Hervorhebung von mir.

Es werden zunächst sämtliche Erklärungen uns Resolutionen für Null und nichtig erklärt, Israels Gründung als "komplett illegal" erklärt.

Im Abschnitt 20 wird auf die Situation 1967 eingegangen, allerdings fehlt auch hier entgegen Lukas' Behauptung jeder Hinweis auf eine Anerkennung Israels, auch wird Jerusalem als Ganzes betrachtet:

"20. Hamas believes that no part of the land of Palestine shall be compromised or conceded, irrespective of the causes, the circumstances and the pressures and no matter how long the occupation lasts. Hamas rejects any alternative to the full and complete liberation of Palestine, from the river to the sea. However, without compromising its rejection of the Zionist entity and without relinquishing any Palestinian rights, Hamas considers the establishment of a fully sovereign and independent Palestinian state, with Jerusalem as its capital along the lines of the 4th of June 1967, with the return of the refugees and the displaced to their homes from which they were expelled, to be a formula of national consensus. "

Die zentralen Passagen

Kein Wort von einer Anerkennung, Paästina einschliesslich Jerusalem wird "from the river to the sea" als Ganzes beansprucht. Von einer Anerkennung oder 2-Staaten-Lösung ist nichts zu lesen.

Nachdem im weiteren Verlauf unter Punkt 21 und teilweise auch 22 andere Abkommen, insbesondere auch die Oslo-Abkommen abgelehnt wurden, heisst es unter Punkt 27:

27. A real state of Palestine is a state that has been liberated. There is no alternative to a fully sovereign Palestinian State on the entire national Palestinian soil, with Jerusalem as its capital.

Zitiert nach ebd.

Erneut ist die Rede von Gesamt-Jerusalem und eines palästinensischen Staates, der Israel keinerlei Existenz zubilligt. Die ablehnende Haltung ist so offenkundig, dass bezüglich Lukas' Posting von einem bewussten Handeln und Lügen gesprochen werden muss. Denn wer das Dokument kennt, kann nicht so leichtfertig behaupten, dass die Hamas 2017 Israel anerkannt habe. Lukas bleibt nichts anderes übrig als zu lügen, in der Hoffnung, dass seine Leser das Dokument nicht kennen bzw. die Aussagen nicht überprüfen. Dies ist eine recht typische populistische Methode, im Gesamtkontext aber auch als antisemtisch zu verstehen, da letztlich auf diese Weise die Hamas auf- und Israel abgewertet wird, Israels Existenzrecht über die Lüge negiert wird.

Einzig seine Behauptung, Netanjahu habe das Dokument als "Fake" abgetan, ist korrekt, wenn auch dies aus dem Zusammenhang gerissen ist. Denn Netanjahu sagte, dass es eine Veränderung nur geben könne, wenn keine neuen Tunnelanlagen gebaut werden würde, Mittel für eine zivile Infrastruktur verwendet werden würden.(2)

Sein Fazit

 

basiert auf falschen Fakten und offensichtlichen Lügen. In diesem Zusammenhang ist die Forderung, "mit dieser Realität zu arbeiten" Augenwischerei.

Ein kleiner Exkurs zum Stellenwert des Dokuments von 2017. Lukas schreibt, dass die Charta 2017 mit diesem Dokument neu gefasst sei. Dies ist falsch, denn die alte Charta wurde nie ausser Kraft gesetzt. Auch trägt das 2017er Dokument nicht die Bezeichnung "Charta", weswegen der Stellenwert gegenüber der Charta umstritten ist.

Hier der zweite, vermeintlich faktenbasierte Teil:

 

Auf Oslo I/II bin ich bereits eingegangen, ebenso wie auf die anderen falsch dargestellten Inhalte, Einzig und allein das Wye-Abkommen lohnt hier noch einen Blick. Es handelte sich um ein weiteres Interimsabkommen, das den Truppenabzug israelischer Truppen aus dem Westjordanland regeln sollte. Es wurde im Oktober 1998 unterschrieben und von der Knesset ratifiziert. Das Abkommen stellt allerdings nicht nur Forderungen an Israel, sondern auch an die Palästinenser.

So heisst es unter II:

II. Sicherheit
In den Sicherheitsbestimmungen des Interimsabkommens erklärte sich die palästinensische Seite bereit, alle notwendigen Maßnahmen zu treffen, um terroristische Gewaltakte, Verbrechen und feindselige Akte gegen die israelische Seite, gegen Personen, die den israelischen Behörden unterstehen und gegen deren Eigentum zu verhindern.[...]

Beide Seiten stimmen überein, daß es in Übereinstimmung mit Anhang 1 des Interimsabkommens sowie der Protokollnotiz in ihrem ureigensten Interesse ist, Gewalt und Terrorismus zu bekämpfen.

Dies ist nicht passiert, es kam u. a. weiterhin zu diversen Selbstmordanschlägen. Diese stärkten die extreme Rechte in Israel und schwächte in der Gesellschaft das Vertrauen in den Friedensprozeß. Der Frage der Sicherheit wurde ein breiter Raum eingeräumt mit sehr detaillierten Forderungen an die palästinensische Seite:

Weiter heisst es:

A. Sicherheit
1. Verbot und Bekämpfung terroristischer Organisationen

(A) Die palästinensische Seite wird ihre Politik der Nichttolerierung von Terror und Gewalt gegen beide Seiten öffentlich vertreten.

[...]

(D) Die palästinensische Seite wird einzelne Personen, die der Verübung von Terror- und Gewaltakten verdächtigt werden, verhaften, um die Durchführung weiterer
Ermittlungen gegen diese Personen sowie die Anklage und Verurteilung aller an terroristischen Gewaltakten beteiligten Personen sicherzustellen.

[...]

2. Verbot illegaler Waffen
(A) Die palästinensische Seite wird wirksame rechtliche Rahmenbedingungen schaffen, unter denen - in Übereinstimmung mit den früheren Abkommen - Einfuhr, Herstellung oder unerlaubter Verkauf, Erwerb oder Besitz von Feuerwaffen, Munition oder Waffen in den palästinensischen Gebieten strafrechtlich verfolgt werden kann.

Auch das wurde von palästinensischer Seite nicht umgesetzt.

Abschließend noch zur Charta:

Die Charta der PLO ist nicht gleich zu setzen mit der Charta der PLO. Im Wye-Abkommen wurde vereinbart, alle Artikel in der PLO-Charta zu streichen bzw. zu modifizieren, die im Widerspruch zu den Vereinbarungen stehen. Auch dies ist nicht passiert. Die PLO-Charta von 1968 ist unverändert geblieben.

Insbesondere das Existenrecht Israels wird darin geleugnet, Palästina wird ebenfalls als Staat "from the river to the sea" betrachtet:

Zunächst zum Territorium:

Artikel 1
Palästina ist das Heimatland des arabischen, palästinensischen Volkes, es ist ein untrennbarer Teil des gesamtarabischen Vaterlandes und das palästinensische Volk ist ein integraler Bestandteil der arabischen Nation (umma).

Artikel 2
Palästina ist innerhalb der Grenzen, die es zur Zeit des britischen Mandats hatte, eine unteilbare territoriale Einheit.

Sicherheit/bewaffneter Kampf:

Auch hatte man der Gewalt nicht abgeschworen, sondern entsprechende Artikel in Kraft gelassen:

Artikel 9
Der bewaffnete Kampf ist der einzige Weg zur Befreiung Palästinas. Es handelt sich daher um eine strategische und nicht um eine taktische Phase. Das arabische palästinensische Volk bekundet seine unbedingte Entschlossenheit und seinen festen Willen, diesen bewaffneten Kampf fortzusetzen und auf dem eingeschlagenen Weg einer bewaffneten Volksrevolution zur Befreiung seines Landes und der Rückkehr in dieses Land voranzuschreiten. Es besteht ebenfalls auf sein Recht auf ein normales Leben in Palästina und auf die Ausübung seines Rechts auf Selbstbestimmung und Souveränität in Palästina.
(Im Juli 1968 nahm der Nationalrat auf Betreiben des Fatahführers Jassir Arafat diesen Artikel 9 in ihre Charta auf und verankerte somit den bewaffneten Kampf gegen Israel als ihre Methode).

Artikel 10
Guerillaaktionen bilden den Kern des Befreiungskrieges des palästinensischen Volkes. Diese Tätigkeit erfordert die Stärkung und die Ausweitung sowie die Mobilisierung aller palästinensischen Menschen- und Geisteskräfte sowie ihre Organisation und Einbindung in den bewaffneten palästinensischen Revolutionskampf. Weiterhin ist es für den nationalen Kampf erforderlich, die verschiedenen Gruppierungen des palästinensischen Volkes und die arabischen Massen zu einigen, um die Fortführung der Revolution, ihre Stärkung und ihren Sieg zu sichern.

Der Artikel 9 wurde 1968 auf Betreiben Arafats in die Charta aufgenommen und somit der bewaffnete Kampf festgeschrieben.

Existenzrecht:

Artikel 19
Die Teilung Palästinas im Jahr 1947 und die Schaffung des Staates Israel sind völlig illegal, ohne Rücksicht auf den inzwischen erfolgten Zeitablauf, denn sie standen im Gegensatz zu dem Willen des palästinensischen Volkes und seiner natürlichen Rechte auf sein Heimatland; sie waren unvereinbar mit den Prinzipien der Charta der Vereinten Nationen, insbesondere mit dem Recht auf Selbstbestimmung.

Artikel 20
Die Balfour-Deklaration, das Palästina-Mandat und alles, was sich darauf stützt, werden für unrecht erachtet. Ansprüche der Juden auf historische und religiöse Bindungen mit Palästina stimmen nicht mit den geschichtlichen Tatsachen und dem wahren Begriff dessen, was Eigenstaatlichkeit bedeutet, überein. Das Judentum ist eine Religion und nicht eine unabhängige Nationalität; ebenso wenig stellen die Juden ein einzelnes Volk mit eigener Identität dar, vielmehr sind sie Bürger der Staaten, denen sie angehören.

Artikel 21
Das arabische palästinensische Volk, das durch die bewaffnete arabische Revolution seiner Existenz Ausdruck verleiht, lehnt alle Lösungen ab, die einen Ersatz für die vollkommene Befreiung Palästinas bilden und verwirft alle Vorschläge, die auf eine Liquidierung des Palästinaproblems oder auf seine Internationalisierung abzielen.

Die Charta ist online hier abzurufen, letzter Aufruf 21. 11. 2025

Es gibt also diverse Artikel der PLO-Charta, die im Widerspruch zum Friedensprozeß stehen. Netanjahu hatte mehrmals darauf hingewiesen, dass Israel erst dann mit dem Truppenabzug fortfahre und andere Forderungen erfülle, wenn die PLO ihre Charta ändern würde.(3)

Im Dezember 1998 kam es in Israel zu einem Treffen zwischen Arafat, Clinton (dem damaligen amerikanischen Präsidenten) und Regierungsvertretern Israels. Die Generalversammlung der PLO stimmte zwar den Änderungen durch Handheben zu, ein überarbeitetes Dokument wurde indes nie veröffentlicht. Oppositionelle palästinensische Gruppen kündigten die Fortsetzung des bewaffneten Kampfes an.(4)

Fazit: Ist Lukas ein Antisemit?

Diese Frage beantworte ich mit "Ja". Auffällig ist, dass Israel als allein Schuldiger am Konflikt betrachtet wird. Zwar ist Facebook kein Medium, um wissenschafliche ausgewogene Essays zu veröffentlich. Lukas aber kennt Quellen, zitiert aus diesen aber einseitig. Auf Gegenargumente geht er nicht ein, Aussagen in den eigenen Quellen, die seinen Aussagen widersprechen, werden ignoriert. Israel wird dämonisiert, dessen Zweck es ist, andere zu unterdrücken:

Dies ist die moderne Version einer alten antisemitischen Stereotype vom Juden, der die (Welt)herrschaft an sich reissen möchte bzw. in abgeschwächter Form bereits überall der Drahtzieher diverser Machenschaften sein soll, andere beherrscht.

Der bewaffnete Kampf (inkl. dem Terror am 7. Oktober 2023) wird zum legitimen Widerstand verklärt, der eliminatorische Antisemitismus wird an die Hamas delegiert.

 

Anmerkungen

(1) Zur politischen Einschätzung vgl. einführend Avnery, Uri/Bishara, Azmi (Hrsg.): Die Jerusalemfrage. Israelis und Palästinenser im Gespräch, Heidelberg 1996. Zur Gesamtgeschichte der Stadt seit biblischen Zeiten Montefiore, Simon Sebag: Jerusalem. Die Biographie, Frankfurt a. Main 2012

(2) Vgl. Croitoru, Joseph: Die Hamas. Herrschaft über Gaza, Krieg gegen Israel, München 2024, S. 134.

(3) PolitikClinton lockert Fronten im Nahost-Konflikt, Tagesspiegel vom 14. Dezember 1998, online hier abzurufen, leztter Aufruf am 21. 11. 2025.

(4) Ebd.