Fremdenfeindliche und rechtsradikale Einstellungen in den neuen Bundesländern und ihre spezifischen Ursachen in der DDR

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Anmerkungen zur Zitierweise und zur Literaturliste

Abkürzungen für Periodika und Reihen

APuZ: Aus Politik und Zeitgeschichte – Beilage zur Wochenzeitung "Das Parlament"

DA: Deutschland-Archiv

JfA: Jahrbuch für Antisemitismusforschung

JfP: Jahrbuch für Politik

KZfSS: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie

Schriftenreihe: Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung

ZParl: Zeitschrift für Parlamentsfragen

ZPol: Zeitschrift für Politikwissenschaft, vormals Jahrbuch für Politik

 

In den Fußnoten verwendete Abkürzungen für häufig zitierte bzw. darauf verwiesene empirische Studien

Die Zahlenangaben im Kürzel beziehen sich auf den Erhebungszeitraum

DJI '90: Deutsches Jugendinstitut: Schüler an der Schwelle zur deutschen Einheit. Politische und persönliche Orientierungen in Ost und West, Opladen 1992

IBM '92: Institut für empirische Psychologie (Hrsg.): Die selbstbewußte Jugend. Orientierungen und Perspektiven 2 Jahre nach der Vereinigung. Die IBM-Jugendstudie, Köln 1992

IBM '95: Institut für empirische Psychologie: "Wir sind o.k.!". Stimmungen, Einstellungen, Orientierungen der Jugend in den 90er Jahren, Köln 1995

Melzer '90: Melzer, Wolfgang: Jugend und Politik in Deutschland. Gesellschaftliche Einstellungen, Zukunftsorientierungen und Rechtsextremismus-Potential Jugendlicher in Ost- und Westdeutschland, Opladen 1992

Stöss '90: Stöss, Richard: Rechtsextremismus in Berlin 1990 (Berliner Arbeitshefte und Berichte zur sozialwissenschaftlichen Forschung Nr. 80), Berlin 1993

Diese Titel werden ausschließlich wie hier gezeigt zitiert. Deswegen verweist zum Beispiel "Vgl. Stöss: a. a. O." nicht auf die Berliner Stöss-Studie, selbst wenn bereits auf diese verwiesen wurde, sondern auf einen anderen bereits zitierten Titel von Stöss!

das Thesenpapier

Grundlagenpapier zur Diplomarbeit "Fremdenfeindliche und rechtsradikale Einstellungen in den neuen Bundesländern

Gibt es eine Spezifik ihrer Genese?"

Verfasser: Thomas Biegel

 

Die Zahl rechtsradikaler Gewalt in Deutschland erschreckt. Die Gewaltrate (gemessen an der Zahl der Einwohner in den einzelnen Bundesländern) ist in den neuen Bundesländern dabei deutlich höher im Vergleich zu den alten. Hierfür wird häufig die Situation nach der Wende, insbesondere die unsichere wirtschaftliche und soziale Situation in den neuen Ländern, verantwortlich gemacht.

Analysiert man aber sozialwissenschaftliche Studien, die sich dieser Thematik widmen, fallen signifikante qualitative und quantitative Unterschiede in den beiden Teilgebieten West- und Ostdeutschland auf. Beispielsweise werden negativ stigmatisierte Nationalitäten und ethnische Gruppen (wie zum Beispiel Polen, Türken, Araber usw.) im Osten Deutschlands nicht nur von einem größeren Personenkreis abgelehnt, sondern außerdem noch stärker. Eine polarisierende Denkweise in einfachen Schwarz-Weiß- bzw. Freund-Feind-Kategorien ist in den neuen Ländern häufiger anzutreffen ebenso wie autoritäre Einstellungen u. v. a. Die Untersuchungen, die mit gleicher Methodik die beiden Teilgebiete getrennt betrachten, liefern noch verschiedene andere signifikante Unterschiede, die hier nicht aufgezählt werden können. Sie zeigen zusammenfassend jedoch folgendes: Ökonomisch orientierte Erklärungsansätze sind für die alten Bundesländer relevanter, hier kann man durchaus von einem Wohlstandschauvinismus sprechen, um Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus zu erklären:

"Betrachtet man die Ergebnisse [...] im Zusammenhang, so zeigt sich, daß Jugendliche der alten BRD stärker dazu neigen die allgemeine Wirtschaftsentwicklung durch Krisenphänomene zu charakterisieren."(1) Selbst "historisch-nationalisierende Einstellungen", das sind nach Melzer den NS relativierende Einstellungen, korrelieren bei westdeutschen Jugendlichen stärker, wenn sie die wirtschaftliche Lage als Krise charakterisieren oder sie zumindest als bedroht sehen.(2) Die hier zitierte Untersuchung wurde unmittelbar nach der Vereinigung durchgeführt. Zu diesem Zeitpunkt war die Gewaltrate bereits deutlich höher in den neuen Ländern, die reale Wirtschaftslage dagegen war zu diesem Zeitpunkt bedeutend besser wie gegenwärtig ebenso wie die subjektive Einschätzung der Befragten zur wirtschaftlichen und sozialen Situation in den neuen Ländern.

Demzufolge sind die Ursachen fremdenfeindlicher und rechtsradikaler Einstellungen in den neuen Ländern woanders zu suchen: "Manifeste Ausländerfeindlichkeit mag zwar in den lebensweltlichen Grundstrukturen zu denen auch die Bereiche der Ökonomie und Arbeit zählen, entspringen; sie entwickelt jedoch ihre Ausprägung unter vielerlei Brechungen und Überformungen. Die besondere Situation des vormals geteilten Deutschlands hat zur Folge, daß ökonomische Erklärungsfaktoren zwar in Westdeutschland greifen, in Ostdeutschland aber von Aspekten der politischen Kultur der ehemaligen DDR überlagert und dominiert werden."(3)

Die wenigen, auf den Vergleich angelegten Studien, zeigen, daß die Ursachen fremdenfeindlicher und rechtsradikaler Einstellungen schließlich zu finden sind

 

  • in der politischen Sozialisation
  • im Umgang in der DDR mit Fremden und
  • im Selbstverständnis und Selbstbild der DDR als "antifaschistischen" Staat.


Zentrale Thesen

Ausgangsthesen: Die Ursachen der fremdenfeindlichen und rechtsradikalen Einstellungen in den neuen Ländern sind nicht in der Vereinigung der beiden deutschen Staaten und den damit vorhandenen Problemen und Umwälzungen zu verorten, "gar zu schnell wird die Entwicklung der Nachwendezeit einseitig als Erklärung bemüht."(4) Die mit der Vereinigung einher gehenden ökonomischen und sozialen Probleme stellen lediglich einen neuen Begründungszusammenhang dar für längst erworbene Einstellungsmuster.

Diese Einstellungen sind nicht auf Jugendliche beschränkt. Auch Ältere weisen stärkere Affinitäten zu fremdenfeindlichen und rechtsradikalen Einstellungen auf als in den alten Bundesländern. "Der verengte Blick auf 'Rechtsextremismus und Gewalt' als 'Jugendproblem' oder als 'Randständigkeit' schützt vor der unangenehmen Nachdenklichkeit über die gar nicht so 'randständigen' Hintergründe des derzeitigen Untergangs zivilgesellschaftlicher Hoffnungen. Solange jugendlicher Rechtsextremismus nicht als Bestandteil der gesellschaftlichen – generationsübergreifenden – Normalität wahrgenommen wird, hat die Auseinandersetzung mit dem Phänomen eben auch Alibifunktionen."(5) Diese Alibifunktion besteht m. E. auch darin, durch die Beschränkung der Untersuchungen auf Jugendliche etwaige unbequeme Kontinuitäten aus dem Nationalsozialismus von vornherein (unbewußt) auszuschließen.

Die Ausblendung des Nationalsozialismus zur Erklärung des aktuellen Rechtsradikalismus und der fremdenfeindlichen Einstellungen hat auch etwas mit dem Mythos der "Stunde Null" zu tun, die "Stunde Null" aber hat es in keinem der beiden deutschen Staaten gegeben.

Die Ursachen der hier untersuchten Einstellungen sind zu finden in:

1. der Sozialisation:

In der DDR wurden für Diktaturen typische Charakterdispositionen geschaffen: Kontaktunsicherheit, Feindbilddenken, Entfremdung (auch von sich selbst). Diese bilden eine wichtige Grundlage für fremdenfeindliche und rechtsradikale Einstellungen.

2. im Umgang der DDR mit Fremden:

Der Umgang mit Fremden in der DDR erzeugte soziale Distanz zwischen Deutschen und Fremden. Dies begünstigt die Anwendung von physischer Gewalt gegen Fremde und schafft Raum für Vorurteile (= negative Einstellungen).

3. im Selbstverständnis der DDR als "antifaschistischen" Staat:

Diesem Selbstverständnis entsprechend konnte die Staatsführung mit rechtsradikalen Tendenzen unter Jugendlichen nicht adäquat umgehen, da es solche Tendenzen im "antifaschistischen" Staat nicht geben durfte. Innerhalb der Gruppe sg. "negativ-dekadenter" Jugendlicher fielen andere Jugendliche, insbesondere Punks, stärker aus dem Rahmen. Rechtsradikale waren ordentlicher, paßten eher in das enge Bild, deswegen wurde ihnen eher mit Toleranz begegnet.

Schließlich wurden auf Grund der historischen Entwicklung und wegen des Selbstverständnisses der DDR nationalsozialistische Ideologeme stärker konserviert. Das offizielle Selbstverständnis der DDR bot den Deutschen, die den Nationalsozialismus zumindest als Mitläufer akzeptiert hatten, verschiedene Entlastungsangebote.

1. Einleitung

1. Einleitung

1.1 Inhaltlicher Zugang
1.2 Methodik und Vorgehensweise
1.3 Der Analyserahmen: die politische Kultur
1.4 Der Aufbau im Detail

2. Anmerkungen zum Forschungsstand

hier geht es zum Forschungsstand

3. Verwendung wichtiger Termini

3. Verwendung wichtiger Termini


3.1 Einstellung, Orientierung, Vorurteil
3.2 Diskussion der zentralen Begriffe

3.2.1 Rechtsextremismus und -radikalismus
3.2.2 Ausländer- bzw. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus

3.3 Zusammenfassung der Definitionen

4. Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus im Ost-West-Vergleich

4. Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus im Ost-West-Vergleich

4.1 Die Verfassungschutzberichte 1991, 1992 und 1995


4.1.1 Gewalttaten in bezug auf die Einwohner in den einzelnen Ländern
4.1.2 Ökonomische Unsicherheit als Ursache der Gewalt in den neuen Bundesländern?

 

4.1.2.1 Zum Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Krisen und fremdenfeindlichen bzw. rechtsradikalen Einstellungen

4.1.2.2 Zur Situation in den Bundesländern 1991 und 1992

 

4.2 Ausgewählte Ergebnisse vergleichender Studien, die auf die zu behandelnden Themen verweisen

4.2.1 Soziale Distanz
4.2.2 Autoritarismus

4.2.2.1 Grundsätzliche Bemerkungen zum Begriff
4.2.2.2 Autoritarismus bei Melzer und Stöss
4.2.2.3 Autoritarismus bei Oesterreich
4.2.2.4 Fazit

4.2.3 Umgang der DDR mit der NS-Vergangenheit
4.2.4 Einstellungen zur Gewalt

4.3 Zwischenfazit: Die Ausgangssituation

5. DDR-spezifische Ursachen fremdenfeindlicher und rechtsradikaler Einstellungen

5. DDR-spezifische Ursachen fremdenfeindlicher und rechtsradikaler Einstellungen

5.1 Das autoritäre System der DDR

5.1.1 Die politische Sozialisation

5.1.2 Folgen der Sozialisation

5.1.2.1 Spaltung in ein offizielles und inoffizielles "Ich" sowie Vertrauensverlust

5.1.2.2 Gefühlsunterdrückung

5.1.3 In der Familie: Fortsetzung der repressiven und autoritären Sozialisation

5.1.3.1 Eine generelle Bemerkung zur Rolle der Primärgruppe

5.1.3.2 Anpassungsdruck als Folge der familiären Sozialisation

5.1.3.3 Die Feindbild-Genese in gestörten Eltern-Kind-Beziehungen

5.1.4 Anknüpfungspunkte zu Fremdenfeindlichkeit und zum Rechtsradikalismus

5.1.5 Zusammenfassung

5.2 Institutionalisierte soziale Distanz zu Fremden in der DDR

5.2.1 Die Wohn- und Arbeitssituation der Ausländer

5.2.2 Die Folgen der Ausgrenzung

5.2.2.1 Soziale Distanz und Vorurteile

5.2.2.2 Soziale Distanz und Gewalt bei ostdeutschen Jugendlichen

5.2.3 Soziale Distanz und Gewalt: ein Erklärungsansatz

5.2.4 Zusammenfassung

5.3 Der verordnete Antifaschismus der DDR

5.3.1 Faschismus = Antikommunismus: die Interpretation des Nationalsozialismus

5.3.2 Auswirkungen auf Jugendliche

5.3.3 Der Umgang in der DDR mit rechtsradikalen Jugendlichen

5.3.4 Zusammenfassung

5.4 Rechtsradikalismus im historischen Kontext der Nachkriegszeit

5.4.1 Die Mitläufer im Nationalsozialismus: die erklärten Sieger der Geschichte

5.4.2 Der Zusammenhang mit rechtsradikalen Einstellungen

5.4.2.1 Kommunisten: Unbeliebt in Deutschland

5.4.2.2 In der Nische: Tradierung alter Wert- und Normvorstellungen

5.4.3 Zusammenfassung

6. Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus in den neuen Ländern - eine andere Fremdenfeindlichkeit, ein anderer Rechtsradikalismus?

Hier geht es zum 6. Kapitel

7. Literatur

zur Literaturliste

Aktualität und Relevanz heute

vollständiges Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Anmerkungen zum Forschungs- stand

3. Verwendung wichtiger Termini

4. Fremdenfeind- lichkeit und Rechtsradika- lismus im Ost-West-Vergleich

5. DDR-spezifische Ursachen fremdenfeind- licher und rechts- radikaler Einstellungen

6. Fremdenfeind- lichkeit und Rechtsra- dikalismus in den neuen Bundesländern - eine andere Fremdenfeind- lichkeit, ein anderer Rechtsra- dikalismus?

7. Literatur

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Übersicht

Anmerkungen

(1) Melzer, Wolfgang/Schröder, Helmut: Ökonomische Risiken und Verunsicherung in Ost- und Westdeutschland. Vergleichende Befunde aus dem Jahr nach der Wende, in: Mansel, Jürgen (Hrsg.): Reaktionen Jugendlicher auf gesellschaftliche Bedrohung, Weinheim/München 1992, S. 168.

(2) Vgl. Melzer, Wolfgang: Jugend und Politik in Deutschland. Gesellschaftliche Einstellungen, Zukunftsorientierungen und Rechtsextremismus-Potential Jugendlicher in Ost- und Westdeutschland, Opladen 1992, S. 135.

(3) Melzer, Wolfgang/Schröder, Helmut: a. a. O., S. 182.

(4) Birthler, Marianne: Die sozialistische Persönlichkeit als Erziehungsziel, in: Deutscher Bundestag, Referat Öffentlichkeitsarbeit (Hrsg.): 31. Sitzung der Enquete-Kommission "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland" am 16. März 1993 (1. Teil), öffentliche Anhörung zum Thema "Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit", Bonn 1993, S. 25-33, hier S. 28.

(5) Klönne, Arno: Jugend und Rechtsextremismus, in: Kowalsky, Wolfgang/Schroeder, Wolfgang (Hrsg.): Rechtsextremismus. Einführung und Forschungsbilanz, Opladen 1994, S. 129-142, hier S. 141.